Krieg ist immer ein grausames Geschäft. Menschen werden bedroht, verschleppt, gefoltert, eingesperrt und getötet. In jüngster Zeit konzentrieren sich Angriffe sehr häufig auf Ärzte und medizinisches Personal. Gewalttaten gegen Ärzte in Jemen, Afghanistan oder Syrien gehören dort längst zur Kriegsstrategie.

Kriegschirurg Marco Baldan vom Roten Kreuz arbeitet seit 20 Jahren in verschiedenen Kriegsgebieten dieser Welt. „In den Neunzigern hatte ich noch den Eindruck, dass die Kämpfer mich respektieren“, erzählt er, „ich hatte den Eindruck, niemand würde mich als Arzt vorsätzlich angreifen.

Gezielte Gewalt gegen medizinisches Personal

2013 war Baldan in der Provinz Abyan im Süden des Jemen stationiert. Dort konnte er selbst erleben, dass medizinisches Personal gezielt angegriffen wurde. „Es gehörte zur Regel, dass in der Notaufnahme Kämpfer auftauchen und die jungen Ärzte, Medizinerinnen Krankenpfleger und Schwestern mit gezogener Waffe zwingen wollten, die eigenen Kämpfer bevorzugt zu behandeln.“

Andere Ärzte wurden während des Dienstes erschossen oder sprangen aus einem Fenster, um vor Pistolenschüssen zu fliehen, so berichtet Baldan weiter.

Angriffe immer systematischer

Seit 2011 starben mindestens 800 Ärzte, Pfleger und Sanitäter in Syrien, schätzen die Autoren eines aktuellen Berichts des Magazins Lancet. Dies macht Syrien das gefährlichste Land für Ärzte.

Die Al-Rastan-Klinik in Homs sei beispielsweise 25 Mal seit 2012 von syrischen Regierungstruppen angegriffen worden und das unterirdisch gelegene Krankenhaus in Aleppo 19 Mal so heißt es im Lancet-Bericht. Im Dezember 2015 beschädigten Luftangriffe der Saudis und Amerikaner ein Krankenhaus in Taiz im Jemen, das Ärzte ohne Grenzen betrieben hatte. Da kann von Zufall wohl keine Rede sein.

Mittlerweile haben mehr als die Hälfte der Ärzte Syrien verlassen und das Netz der medizinischen Versorgung ist ausgedünnt. Ärzte sind zudem hoch angesehen. Wer es schafft, sie einzuschüchtern, kann Kontrolle über die gesamte Gesellschaft gewinnen.

Zivilisten als Leidtragende

Die Strategie, die dahintersteckt ist einfach: Wenn der Gegner keine medizinische Hilfe mehr hat, wird er verlieren. Diejenigen, die aber wirklich die Leidtragenden sind, sind die Zivilisten. Im Jemen haben sich schätzungsweis 750.00 Menschen mit der Cholera angesteckt, vor allem durch das schmutzige Wasser. Mehr als 2000 Betroffene sind bereits gestorben.

Die Krankenhäuser in diesen Regionen funktionieren nicht mehr und die Mediziner werden von Militärs nicht in die Gebiete vorgelassen.

Konsequenzen für Verletzung der Genfer Konventionen sind gefordert

Eigentlich schützt das Völkerrecht Zivilisten und damit auch Ärzte, nur halten sich die Kriegsparteien viel zu oft nicht daran. „Zunehmend herrscht nur noch das Gesetz der Waffe“ sagt Marco Baldan.

Ob Mediziner lediglich in Syrien oder Jemen häufiger attackiert werden oder ob dies ein weltweiter Trend ist, ist noch unklar. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) möchte nun die Datenlage mit einer neuen Datenbank verbessern, weil bei bisherigen Forschungen beispielsweise nicht zwischen Angriffen auf Medizinpersonal oder anderen Entwicklungs- und Katastrophenhelfern unterschieden worden ist.

Dies ist allerdings erst der Anfang. Es werden Forderungen laut, die Initiatoren dieser Angriffe nach der Genfer Konvention vor Gericht zu stellen. Rachel Irwin, die am Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI forscht, bekräftigt: „Wir haben mit der Genfer Konvention die nötigen Regeln. Gesundheitspersonal anzugreifen ist ein Kriegsverbrechen und muss als solches geahndet werden.“

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