Kampf gegen Helicobacter pylori

Ende der 1980er Jahre waren sich die Ärzte einig, dass man den Magenkeim Helicobater pylori ausrotten müsste. Durch diesen Keim entstehen häufig Geschwüre und Magenkrebs, weshalb die Ärzte ihn vernichten wollten. Doch einige Jahre später äußerte Martin Blaser, Direktor des Human Microbiome Program an der New York University seine Zweifel. „Helicobacter lebt seit Tausenden Jahren in unserem Magen. Er sollte nicht einfach so verschwinden.“

Wie viele Keime hat der Mensch im Laufe der Jahre verloren?

Nach der Äußerung seiner Zweifel, fing Blaser an zu forschen. Er beschäftigte sich mit den Fragen, wie viele Keime der Mensch verloren hat und was dies für die Gesundheit bedeutet. Genauer gesagt, ob der Verlust der Keime dazu beigetragen hat, dass Krankheiten wie Heuschnupfen, Reizdarmsyndrom, Neurodermitis und Fettleibigkeit mit der Zeit zunehmen. Blaser fand heraus, dass gerade Bakterienarten, die unsere Haut- und Darmflora dominieren in den vergangenen Jahren stark abgenommen haben. „Alles fing mit sauberem Trinkwasser an. Das hat Millionen von Leben gerettet, aber auch dazu geführt, dass wir nicht mehr die Fäkalien anderer trinken und mit weniger Keimen in Berührung kommen.“

Wieso kann der Verlust von Keimen im menschlichen Körper Krankheiten auslösen?

Der Biotechnologe Till Strowig erklärt, wie der Verlust von Keimen zu der Zunahme von Krankheiten führen kann. „Bakterien trainieren unser Immunsystem. Es gibt Bakterien, die eine Entzündung fördern und solche, die sie hemmen. Am Ende geht es immer um die richtige Balance.“ Dies bedeutet, dass das Immunsystem aus dem Gleichgewicht fallen kann, wenn Keime wegfallen. Dadurch kann es sein, dass der Körper plötzlich Inhalte aus dem Essen, Pollen oder sogar Körperzellen bekämpft. Hierdurch entstehen zum Beispiel Krankheiten wie allergisches Asthma oder Neurodermitis.

Viele Veränderungen im 20. Jahrhundert

Durch eine verbesserte Hygiene und einer moderneren Medizin, gab es besonders im 20. Jahrhundert eine starke Veränderung. Nun kamen Babys per Kaiserschnitt auf die Welt, wodurch ihnen der Anstrich der Vaginalflora der Mutter fehlte. Hinzu kam, dass weniger Mütter stillten, wodurch die Bakterien und die Darmflora litten. Denn die Muttermilch enthält Zuckerketten, die nur von bestimmten Bakterien verdaut werden können. Des Weiteren verkleinerten sich die Familien und ihre Pflege verbesserte sich. So konnten keine Keime von einem Kind auf das nächste überspringen.
Wissenschaftler um Gloria Dominguez-Bello fanden weiterhin heraus, dass das moderne westliche Mikrobiom, alle Lebewesen, die den menschlichen Körper besiedeln, nur noch halb so vielfältig ist, wie das unserer ältesten Vorfahren. Um dies herauszufinden, reisten die Wissenschaftler in ein Amazonas-Gebiet, in dem Yanomami-Indianer weit entfernt von der Zivilisation leben. Da die Indianer keine Kaiserschnitte, Antibiotika oder Trinkwasseraufbereitung kennen, ähneln sie unseren Vorfahren. Es wurden Stuhlproben und Haut- und Mundabstriche ausgewertet und mit dem durchschnittlichen Amerikaner verglichen. Dabei kam heraus, dass auf der Haut und im Darm eines Yanomami-Indianers viel mehr Keime vorhanden sind.

Heutiger Forschungsstand

Ein genaues Wissen, wie uns weniger Mikrobiome anfälliger für andere Krankheiten machen, gibt es noch nicht. Jan Wehkamp, Professor für Innere Medizin am Uniklinikum Tübingen sagt aber: „Wir sind inzwischen sehr sicher, dass das Mikrobiom die treibende Kraft hinter den entzündlichen Darmerkrankungen Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa ist. Bei diesen Krankheiten ist die Schleimhautbarriere angegriffen. Wahrscheinlich, weil das Mikrobiom verändert ist.“ Für die Behandlung von Colitis Ulcerosa kommt daher ein Darmmikrobiom zum Einsatz, das in Form von Tabletten verabreicht wir. Die Mikroorganismen in den Tabletten sollen die Darmflora anreichern und ins Gleichgewicht bringen.
Zukünftig könnte diese Art der Behandlung auch bei Neurodermitis-Patienten zur Anwendung kommen.

  Abonnieren  
Benachrichtige mich bei